Stadtszene · 8 min · Mai 2026

Der Zustand des Spezialitätenkaffees in Lissabon, 2026.

Vor einem Jahrzehnt konnte man Lissabons Specialty-Cafés an zwei Händen abzählen. Heute liegt die Zahl bei über hundert. So baute die Bica-Stadt eine der interessantesten Kaffeeszenen Europas auf — und wohin sie als nächstes geht.

Lissabons Beziehung zum Kaffee reicht tiefer als die der meisten europäischen Städte. Die Portugiesen trinken seit fast einem Jahrhundert Bica — der lokale Begriff für Espresso. Doch über den größten Teil des letzten Jahrhunderts war Lissabons Bica einheitlich: dunkle Röstung, Zucker auf der Untertasse, im Stehen getrunken für siebzig Cent.

Von 2 Cafés auf 100+ in einem Jahrzehnt

Um 2015 herum änderte sich etwas. Die dritte Welle — bereits reif in Melbourne, Kopenhagen, Berlin — begann in Portugal anzukommen. 2015 hatte Lissabon zwei oder drei Specialty-Cafés. 2025 lag die Zahl bei über 85. Anfang 2026 sind es über 100 und steigend.

Die Röstereien, die die Szene aufbauten

Fabrica Coffee Roasters eröffnete 2014, explizit inspiriert von der dritten-Welle-Szene in Nürnberg, Deutschland. Direct Trade mit Erzeugern, hauseigene Röstung, mehrere Brühmethoden.

The Folks Coffee Roasters folgte kurz darauf, baute ein Modell um Qualität, Rückverfolgbarkeit und Belieferung eines wachsenden Café-Netzwerks. The Folks ist heute das Rückgrat eines stillen Ökosystems.

Um diese beiden Anker: Comoba in Cais do Sodré, Hello, Kristof in Príncipe Real, Copenhagen Coffee Lab, und weitere neuere Eröffnungen in Marvila und Beato.

Die Stadtteilkarte

  • Príncipe Real — die dichteste Strecke an Specialty-Cafés.
  • Santos und Cais do Sodré — Flussufer-Stadtteile.
  • Chiado — das historische Zentrum.
  • Alcântara, Marvila, Beato — der post-industrielle Osten. Hier öffnet die nächste Welle.
  • Parque das Nações — der moderne Bezirk im Osten.

Was Lissabon auszeichnet

Der Bica-Anker. Anders als Städte, die Specialty-Kultur aus dem Nichts aufbauten, hatte Lissabon bereits eine tiefe Espresso-Tradition.

Die Brunch-Fusion. Das Café hier funktioniert als ganztägiger Essraum.

Die internationale Klientel. Nomaden, Touristen, zurückgekehrte Portugiesen.

Wohin es geht

Die Eröffnungen 2026 neigen sich nach Osten — besonders Marvila. Die spannende Frage ist, ob Lissabon einen eigenen Welt-Class-Röster hervorbringen kann, der Bohnen global exportiert wie Tim Wendelboe, La Cabra oder Square Mile.

Wo starten

Great Coffee Inside